Eine Geschichte über das, was Raum bekommt

Was füllt dein Glas zuerst?

Beide Gläser haben gleich viel Platz. Der Unterschied ist, was ihn zuerst bekommt.

Zwei gleich große Gläser: eines mit großen Steinen für wichtige Lebensbereiche, das andere überfüllt mit kleinen Symbolen für digitale Ablenkung und fragmentierte Aufmerksamkeit.
Zwei Gläser. Dieselbe Kapazität. Eine andere Reihenfolge.
Das Glas

Wir alle haben dieses eine Glas.

Es ist nicht größer bei Menschen, die scheinbar alles unter einen Hut bekommen. Und es wird auch nicht kleiner, nur weil gerade zu viel los ist.

Das Glas steht für etwas, das für uns alle ziemlich begrenzt ist: unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und letztlich unser Leben.

Die bekannte Idee dahinter ist einfach.

Zuerst kommen die großen Steine ins Glas.

Die Dinge, ohne die unser Leben irgendwann aus dem Gleichgewicht gerät: Schlaf. Essen. Gesundheit. Familie. Freundschaft. Bewegung. Gemeinschaft. Ein Hobby. Lernen. Ruhe.

Vielleicht auch etwas, das uns einfach nur Freude macht oder uns das Gefühl gibt, irgendwo hinzugehören.

Danach ist immer noch Platz.

Zwischen den großen Steinen passen kleinere Steine. Termine, Aufgaben, Nachrichten, Dinge, die erledigt werden müssen.

Und selbst danach findet Sand noch seinen Weg durch die Zwischenräume.

Das Problem beginnt vielleicht gar nicht damit, dass wir zu wenig Zeit haben.

Vielleicht beginnen wir manchmal einfach am falschen Ende.

Der Sand

Wenn zuerst der Sand kommt

Ein paar Minuten aufs Handy schauen.

Eine Nachricht beantworten.

Noch ein Video.

Nur kurz sehen, was passiert ist.

Noch eine Benachrichtigung.

Noch ein Beitrag.

Nichts davon ist für sich genommen besonders dramatisch.

Genau deshalb funktioniert es so gut.

Es sind winzige Körner.

Aber Sand hat eine interessante Eigenschaft:
Er findet jede Lücke.

Und wenn wir ihn zuerst ins Glas schütten, kann er erstaunlich viel Raum einnehmen.

Irgendwann versuchen wir dann, die großen Steine noch irgendwie dazwischenzuquetschen.

Schlaf wird kürzer.

Sport fällt heute aus.

Für das Hobby reicht die Zeit gerade nicht.

Ein Gespräch führen wir nebenbei mit dem Handy in der Hand.

Und etwas, das uns eigentlich wichtig ist, verschieben wir auf morgen.

Nicht weil es uns plötzlich unwichtig geworden wäre.

Sondern weil das Glas schon voll ist.

Vier Hände schütten Nachrichten, Aufgaben und digitale Symbole in ein bereits gefülltes Glas, während große Steine für Familie, Schlaf, Sport, Gemeinschaft, Kreativität und Gesundheit davor liegen.
Die Aufmerksamkeit

Der Algorithmus kennt unsere großen Steine nicht

Die Idee zu dieser Illustration kam unter anderem nach der Checker-Tobi-Reportage „Schule ohne Smartphone – Das Experiment mit Tobi Krell“.

Dabei ging mir weniger die Frage durch den Kopf, ob Smartphones grundsätzlich gut oder schlecht sind.

Spannender finde ich eine andere:

Wer entscheidet eigentlich,
womit unsere Aufmerksamkeit gefüllt wird?

Ein Algorithmus weiß nicht, dass Training am Dienstagabend vielleicht genau der Ort ist, an dem ein Kind Freunde trifft, Selbstvertrauen entwickelt und für anderthalb Stunden einfach ganz bei einer Sache ist.

Er weiß nicht, dass jemand beim Zeichnen abschaltet.

Dass ein Gespräch am Küchentisch wichtiger sein kann als zwanzig Nachrichten.

Oder dass Langeweile manchmal genau der Raum ist, aus dem eine Idee entsteht.

Der Algorithmus kennt diese Dinge nicht.

Er kennt nur unsere Aufmerksamkeit.

Und er ist ziemlich gut darin, sie festzuhalten.

Der freie Raum

Ein leeres Glas bleibt nicht lange leer

Vielleicht gibt es noch eine andere Seite dieser Metapher.

Was passiert, wenn im Glas zunächst kaum große Steine liegen?

Freie Zeit klingt erstmal nach Freiheit. Aber Aufmerksamkeit bleibt nicht automatisch unberührt, nur weil noch nichts geplant ist.

Wenn nichts anderes zieht – kein Hobby, kein Treffen, kein Projekt, keine Neugier, kein Ort, an dem man sein möchte – ist der digitale Sand immer verfügbar.

Ein Display verlangt keinen Termin.
Es beginnt sofort.

Freier Raum ist wertvoll. Aber er bleibt selten einfach leer.

Digitale Symbole und feiner Sand fallen in ein fast leeres Glas; daneben liegen große Steine für Freundschaft, Natur, Bewegung, Kreativität und Verbundenheit, während eine Person auf ihr Handy schaut.
Die großen Steine

Vielleicht brauchen wir deshalb die großen Steine

Vereine & OrganisationenMusikFeuerwehrKunstEhrenamtFreunde treffenDraußen seinEtwas bauenEtwas lernen

Solche Dinge sehen im Kalender manchmal wie zusätzliche Verpflichtungen aus.

Vielleicht sind sie aber genau das Gegenteil.

Sie setzen große Steine ins Glas.

Sie nehmen bewusst Raum ein und verhindern dadurch gleichzeitig, dass dieser Raum vollständig von etwas anderem gefüllt wird.

Gerade bei Kindern und Jugendlichen finde ich diesen Gedanken interessant.

Wir reden viel über Bildschirmzeit und darüber, wie viele Stunden noch vertretbar sind.

Was gibt es eigentlich außerhalb des Bildschirms,
für das es sich lohnt, das Handy wegzulegen?
Kein perfekter Plan

Das Bild ist kein perfekter Lebensplan

Natürlich funktioniert echtes Leben nicht wie ein Einmachglas.

Manchmal ist eine Woche einfach Sand.

Manchmal passiert etwas, das alle Prioritäten durcheinanderwirft.

Und manchmal verbringen wir einen Abend völlig sinnlos auf dem Sofa und scrollen durch irgendwelchen Unsinn.

Das gehört wahrscheinlich genauso dazu.

Der entscheidende Punkt ist für mich deshalb nicht, ein perfekt sortiertes Glas zu besitzen.

Sondern überhaupt zu erkennen, was darin liegt.

Vielleicht ist Unausgeglichenheit manchmal genau daran sichtbar:

Die großen Steine finden keinen Platz mehr.

Ein Glas ist bis oben mit Smartphones, Aufgaben, Nachrichten und digitalem Kleinkram gefüllt; große Steine für Sport, Kreativität, Freundschaft, Schlaf und Bewegung liegen draußen und sind teilweise gerissen.

Vielleicht verändert sich dabei nicht nur unser Kalender. Auch unsere Prioritäten können sich verschieben. Aus „Heute habe ich keine Zeit dafür“ wird irgendwann „Das ist wohl einfach nichts mehr für mich.“ Nicht unbedingt, weil der große Stein unwichtig geworden ist – sondern weil wir ihm lange keinen Platz gegeben haben.

Werte und Wahl

Was verdient zuerst Raum?

Vielleicht geht es am Ende nicht darum, das Glas perfekt zu füllen.

Sondern darum, zu wissen, welche Dinge für uns wirklich groß sind.

Nicht jeder Mensch braucht dieselben Steine.

Aber wenn wir sie nicht kennen, wird es schwer, ihnen zuerst Raum zu geben.

Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Entscheidung.

Aus der Perspektive über ihre Schulter hält eine Person einen großen Stein mit Herzsymbol über ein noch offenes Glas; ringsum liegen viele weitere Steine mit Symbolen für Familie, Freundschaft, Natur, Schlaf, Bewegung, Kreativität und Sinn.

Was verdient zuerst Raum?